Cover in groß "Freiheit und Wahn deutscher Arbeit. "
Holger Schatz, Andrea Woeldike

Freiheit und Wahn deutscher Arbeit.

Zur historischen Aktualität einer folgenreichen antisemitischen Projektion.


ISBN-10: 3-89771-805-7
ISBN-13: 978-3897718050
Ausstattung: br., 200 Seiten
Preis: 16.00 Euro

„Den Nationalsozialisten gelang es, die entfremdete Arbeit zu erotisieren, die ›Arbeit an sich‹. Der nationale Gründungsmythos ›deutsche Arbeit‹ galt als Ort der ›Unschuld‹. Mit Luther und Hitler: Nicht was, sondern wie einer arbeitet, zählt. ... Ein Werk in der Tradition der Kritischen Theorie, stark in der Recherche und marxistischen Analyse.“
Gerd Fittkau, konkret


Wie Hannah Arendt bei ihrem Besuch in der gerade gegründeten Bundesrepublik 1950 feststellte, ist die ständige Geschäftigkeit des Deutschen, dessen trainierte Form der Verdrängung der Wirklichkeit. Den Nationalsozialisten gelang es,die entfremdete Arbeit zu erotisieren, die „Arbeit an sich“. Der nationale Gründungsmythos „deutsche Arbeit“ galt als Ort der „Unschuld“. Mit Luther und Hitler: Nicht was, sondern wie einer arbeitet, zählt.
Die Autoren versuchen in der Entstehungsphase der „deutschen Nation“ die Geburt einer „nationalen bzw. deutschen Arbeit“ als historische Partikularität zu belegen. Die deutsche Reformation brachte die protestantische Arbeitsethik, das nur der sich nähren dürfe, der im Schweiße seines Angesichts dem lieben Herrgott arbeitend dient im Unterschied zum Calvinismus und Puritanismus. Nachdrücklich wird daran erinnert, warum Schüler in diesem Lande fast zwei Jahrhunderte die „Glocke“ auswendig lernen mussten. Der Mythos der „deutschen Arbeit“ mit den Wunschmerkmalen Fleiß, Disziplin und Pünktlichkeit bekam in der deutschen Romantik eine Erlösungs- und Befreiungsmetaphorik.
Schatz/Woeldike zeichnen nach, dass dieses Bild des tüchtigen Michel immer begleitet wurde von Ausgrenzungsprozessen und Hasstiraden gegen die „Nicht-Arbeiter“. Luther polemisierte gegen die Juden als vermeintliche Wucherer, der „Romantiker“ Fichte wurde bemerkenswert ausfallend und von Wagner und Nietzsche ist es bekannt. Das Bild des Wucherers wird ab der Gründerzeit vom „bösen jüdischen Finanzkapital“ abgelöst, das scheinbar einer Erlösung des produktiven „Volkes“ (Arbeiter und Industriekapital) entgegenstehe. Die Spitze des ideologischen Aussatzes erreichen die Nationalsozialisten mit ihrer „Versöhnung“ des produktiven „Volkes“ in einer korporativen Volksgemeinschaft mit gleichzeitigem Vernichtungswahn gegen die vorgeblichen „Schmarotzer“. Der „rheinische Kapitalismus“ zeichnet sich bis heute durch Sozialpartnerschaft und Bündnis für Arbeit aus. Ein Muster, dass sich schnell mit Ressentiments aufladen lässt, wie die letzten 10 Jahre im besonderen zeigen.
Ein Werk in der Tradition der Kritischen Theorie, stark in der Recherche und marxistischen Analyse. Leider wird eine stärkere sozialpsychologische Grundierung des Wahns vernachlässigt. Kurz werden Ernst Jüngers „Arbeiter-Soldaten“ skizziert und das Gegensatzpaar „Gesund-Krank“ gänzlich gemieden, dass im NS-Staat ein besonderes Wahnbild eines „gesunden, produktiven Volkskörpers“ annahm.
Gerd Fittkau, konkret


Rezension - review-corner:
Arbeitswahn
- Freiheit und Wahn deutscher Arbeit, aus CEE IEH #75
"Woeldike und Holger Schatz (bieten) allemal einen guten einführenden Überblick über die Geschichte des Antisemitismus in Deutschland"


Vorwort

Vox populi: Eine Gruppe radelnder Jungen,
vierzehn bis fünfzehn Jahre, um zehn abends
in der Wormser Straße. Sie überholen mich,
rufen zurück, warten, lassen mich passieren.
»Der kriegt einen Genickschuß … ich drück’ ab
… Er wird an den Galgen gehängt – Börsen-schieber
… « und irgendwelches Gemauschel.
Es hat mich tiefer und nachhaltiger verbittert
und schwankend gemacht, als mich den Abend
vorher die Worte des alten Arbeiters erfreuten.
Victor Klemperer

Wohl kaum eine andere Frage ist in Deutschland derart verdrängt
worden, wie die nach dem Ausmaß der Verantwortung eines Groß-teils
der deutschen Bevölkerung für den Antisemitismus vor und
während des Nationalsozialismus. Antworten, welche die biografi-schen
Zeugnisse der Überlebenden und die darin zum Ausdruck kom-mende
Erfahrung von der antisemitischen Totalität bestätigen, sto-ßen
nach wie vor auf Unwillen und Verschlossenheit. Neben der
gewohnten Befangenheit und dem Widerwillen der Politik liegt dies
aber auch an den erkenntnistheoretischen Beschränkungen der empi-rischen
Geschichtswissenschaft, wonach sprichwörtlich nur dort
Antisemitismus drinsteckt, wo auch Antisemitismus draufsteht. Ein
Beispiel aus der neueren Literatur mag als Beleg genügen: »Deutlich
wird vielmehr, daß sich selbst bei jenen, die vor 1933 die Nationalso-zialisten
abgelehnt hatten, Elemente der Ablehnung neben solche der
Zustimmung zu schieben begannen; nicht zuletzt beeindruckt durch
die vermeintlich so außerordentlich erfolgreiche Wirtschafts-,
Außen- und Kriegspolitik des Regimes.
Dies scheint sich, den verfügbaren Quellen zufolge, aber nur in
geringerem Umfang auch auf die nationalsozialistische Judenpolitik
ausgedehnt zu haben.«1
Die Zustimmung zum Regime erfolgte demnach nicht aufgrund
des Antisemitismus, sondern ihm zum Trotz – so könnte die Quintes-senz
einer polemisch zugespitzten Interpretation solcher Formulie-rungen
lauten. Hitler wurde zwar bejubelt, jedoch nur wegen der
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und einer erfolgreichen Balsamie-rung
der gekränkten nationalen Ehre. Außer Acht bleibt dabei, das
die Zustimmung zum nationalsozialistischen Wirtschaftskonzept eine
Zustimmung zu einem ganz bestimmten Konzept von ›Arbeit‹ und
›Volk‹ beinhaltete, das längst vor dem ›Dritten Reich‹ immanent anti-semitisch
gewesen ist. Wer sich zur ›nationalen, deutschen Arbeit‹
bekannte, willigte auch in den Antisemitismus ein – so lautet die pla-kative
Ausgangsthese unseres Buches.
Eines der vielleicht folgenreichsten Elemente des Antisemitismus
ist die Vorstellung, Juden seien arbeitsscheu und lebten von der Arbeit
anderer – eine Vorstellung, die sich auf die lange Tradition des antiju-daistischen
Bildes vom angeblich parasitären, wuchernden Juden
stützt. Diese Vorstellung muss auch aufgrund ihrer Anschlussfähigkeit
an das Alltagsbewusstsein vieler Deutscher unter den Bedingungen der
warenproduzierenden Moderne als wirkungsmächtiges Medium des
Antisemitismus betrachtet werden und ist für uns ein zentraler Schlüs-sel,
um den nicht zuletzt von Daniel Jonah Goldhagen 2 beschriebenen
klassenübergreifenden Antisemitismus genauer zu erfassen. Goldhagen
beschreibt in drei umfangreichen Fallstudien das freiwillige Bedürfnis
vieler Deutscher, Juden zu quälen und schließlich zu ermorden. Gold-hagen
zufolge waren Tausende von Deutschen – direkt oder indirekt –
aus freien Stücken am Holocaust beteiligt, und »auch Millionen ande-rer
Deutscher [hätten] nicht anders gehandelt, wären sie in die entspre-chenden
Positionen gelangt«3 . Dabei streift Goldhagen auch die Denkt-radition
des Konstrukts ›jüdischer Nicht-Arbeit‹4 , konfrontiert sie jedoch
nicht mit den sozioökonomischen Veränderungen und Bedingungen
von ›Arbeit‹. Es wurde bereits von anderer Seite angemerkt, dass somit
jedoch die Dynamik dieser Vorstellung verschwimmt.5 Dieses Buch
richtet deshalb den Fokus auf die Synthese der spezifischen Vorstellun-gen
von Arbeit und Freiheit zu jenem deutschen Wahn, den wir mit den
Worten ›Arbeit macht frei‹6 assoziieren müssen.
Ausgehend von den Erkenntnissen der Antisemitismusforschung
schreibt Goldhagen im Rahmen seiner methodischen und analyti-schen
Überlegungen: »Antisemitismus verrät uns nichts über die
Juden, aber eine Menge über Antisemiten und ihre Kultur, die sie her-vorbringt.« 7 Bezogen auf die Vorstellung der ›parasitären, jüdischen
Nicht-Arbeit‹ muss also die Frage nach dem Selbstverständnis der
Deutschen zu ›ihrer‹ Arbeit, die Frage nach der ›deutschen Arbeit‹
gestellt werden, einem Begriff, der sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts
im öffentlichen Diskurs der Deutschen etablierte.8
In unserer Darstellung werden deshalb zunächst die Ursprünge
des Zusammenhangs von ›deutscher Arbeit‹ und Antisemitismus von
der deutschen Romantik über die Reformation bis ins Mittelalter
zurückverfolgt, um dann jenen im Deutschland des 19. und des frü-hen
20. Jahrhunderts stattfindenden Prozess skizzieren zu können,
den man mit ›Nationalisierung der Arbeit‹ umschreiben kann.
Obgleich sich ähnliche Prozesse in der Entwicklung Frankreichs oder
auch Englands beobachten lassen, kommt der Ideologisierung der
Arbeit als ›deutscher‹ beziehungsweise ›nationaler Arbeit‹ bezüglich
der Ausbildung einer deutschen nationalen Identität besondere
Bedeutung zu.9
Die Zentralität der Arbeit im deutschen Diskurs fußte jedoch nicht
nur auf den Erfordernissen nationaler Sinnstiftung, sondern ent-sprach
ihrer sozioökonomischen Evidenz. Im Zuge des beschleunig-ten
und eruptiven Prozesses von Kapitalisierung und Industrialisie-rung
stellten sich der ›Arbeit‹ fundamentale Fragen der Entfremdung,
deren Beantwortung zur möglicherweise dringlichsten nationalen
Aufgabe wurde. Vor diesem Hintergrund begann sich die Idee eines
›deutschen Sozialismus‹ und eines ›deutschen Antikapitalismus‹ in all
seiner Widersprüchlichkeit zu konturieren. Im Folgenden wird
beschrieben, wie der Nationalsozialismus versuchte, diese ›Idee‹ zu
absorbieren und mit Alltagswahrnehmungen der Bevölkerung dis-kursiv
kompatibel zu gestalten. Der ideologiekritische Blick auf den
nationalsozialistischen Arbeitsbegriff wird zeigen, was im Begriff der
›deutschen Arbeit‹ bereits angelegt ist: Die historischen Formverän-derungen
der Arbeit infolge der Universalisierung der Warenproduk-tion
und der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse treten hinter
einen überzeitlichen, naturalisierten Begriff von Arbeit zurück. Diese
Verdinglichung, die Zurückweisung von Begriffen wie ›Lohnarbeit‹
oder ›abstrakte Arbeit‹10 – Begriffen, die der Gesellschaftlichkeit
jener Formveränderungen der Arbeit Rechnung tragen - korrespon-dierte
paradoxerweise mit einer vermeintlich radikalen Kritik an den
Widersprüchen kapitalistischer Vergesellschaftung. Der Arbeitsdis-kurs
der Nationalsozialisten wird deshalb auch als Versuch beschrie-ben,
einerseits den Schritt vom Klassen- zum Volksstaat zu vollzie-hen,
andererseits die Versöhnung von Arbeit und Kapital sowie die
Aufhebung der Entfremdung der ›abstrakten Arbeit‹ in Aussicht zu
stellen.
Ausgehend von materialistischen Theorien zum modernen Anti-semitismus
konfrontieren wir die strukturellen Dispositionen der
kapitalistisch vergesellschafteten Individuen mit den konkreten
sozioökonomischen Voraussetzungen Deutschlands. Der Blick auf die
›deutsche Arbeit‹ liefert so nicht nur eine Analyse der volksgemein-schaftlichen
Binnenstrukturierung und ihrer Ausschlussmechanis-men,
sondern reflektiert die gesellschaftlichen Abgründe der patho-logischen
Projektion einer ›raffenden jüdischen Nicht-Arbeit‹. Die
historisch-soziologische Darstellung wird deshalb durch entsprechen-de
theoretische Exkurse begleitet werden. Insofern hier Antisemi-tismus
verstanden wird als strukturelle Möglichkeit des individuellen
und kollektiven Bewußtseins, das unbegriffene ›Leiden‹ an der
modernen Vergellschaftung zu verarbeiten, muss diese Darstellung
mit Anmerkungen zur Kontinuität und zum Wandel ›deutscher
Arbeit‹ nach 1945 enden.
Die besondere kulturelle Bedeutung der Arbeit in Deutschland
wurzelt bereits in vor- und frühkapitalistischen Verhältnissen. (...)


die AutorInnen

Andrea Woeldike, Jahrgang 1963, Diplom Pädagogin. Diverse Veröffentlichungen zu den Themen Integration von Behinderten und Nicht-Behinderten, Rassismus und Antisemitismus. Organisation und Durchführung von Ausstellungen und Veranstaltungsreihen („Antisemitismus – die deutsche Normalität“). Lebt in Hamburg.

Holger Schatz, Jahrgang 1967, Studium der Soziologie und neueste Geschichte M.A. Magisterarbeit über „Das Verhältnis von Nationalisierung der Arbeit und Antisemitismus in Deutschland“. Mitarbeiter von „Radio Dreyeckland“ in Freiburg. Auseinandersetzung mit den Themen Kapitalismus, Rassismus und Antisemitismus in Form von Hörspielen, Collagen und Veranstaltungen.


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Aus der Rubrik: Politik - Antifaschismus